Mittwoch, 31. Mai 2017

Gastrezension von jenvo82 zu Ellbogen von Fatma Aydemir




Preis: € 20,00 [D]
Einband:Hardcover
Seitenanzahl: 272
Altersempfehlung: -
Verlag: Insel
Weiter Infos zum Buch + Bildquelle

„Vielleicht fühlt es sich mittlerweile so gemütlich an, allen etwas vorzuspielen, dass ich einfach nicht mehr checke, wer ich eigentlich bin.“
Inhalt
Hazal lebt mit ihrer Familie in Berlin, wurde zwar in Deutschland geboren, muss sich aber immer noch mit einem Migrationshintergrund abfinden. Bedingt durch eine strikte Erziehung, die sich an den Wertvorstellungen ihrer türkischen Eltern orientiert, fühlt sich die fast 18-Jährige dermaßen eingeengt und in die Ecke getrieben, dass sie ihren Geburtstag und ihre Volljährigkeit gebührend feiern möchte. Gemeinsam mit ihren türkischen Freundinnen, will sie einen angesagten Club besuchen, wird aber abgewiesen. Voller Wut und Selbsthass, betrinken sich die Mädchen und vermöbeln einen deutschen Studenten in der U-Bahn-Station. Der junge Mann wird zum Prellbock für all die anderen, die Hazal Steine in den Weg gelegt haben, die sie nicht wahrnehmen und immer nur Erwartungen stellen. Diesmal sind es ihre Ellbogen, die den Fremden treffen und nicht die der anderen, die ihr seelisches und körperliches Leid zufügen. Doch aus dem vermeintlichen Spaß wird bitterer Ernst, als Hazal ihr Opfer auf die Schienen stößt und er nicht mehr in der Lage ist, das Gleisbett aus eigener Kraft zu verlassen. Hazal bleibt nur die Flucht, zurück in ein Land, was noch nie ihre Heimat war, die Flucht in ein Leben aus Schuld Bedrängnis und nicht enden wollender Einsamkeit …
Meinung
Die Autorin Fatma Aydemir fesselt in ihrem Debütroman den Leser an eine äußerst unbequeme, teilweise schockierende Geschichte, die sich nur am Rande mit dem Erwachsenwerden auseinandersetzt und deren Fokus vielmehr auf der inneren Heimatlosigkeit, auf dem Gefühl des Unverständnisses anderer gegenüber der eigenen Persönlichkeit beruht. Dabei gelingt es ihr, eine durchaus authentische, wenn auch brutale Lebensweise zu schildern, die den Leser einerseits abstößt, ihn andererseits aber eine Welt außerhalb des eigenen Sichtfeldes offenbart. Dieser Roman zieht in den Bann des Geschehens, polarisiert ungemein und wirft viele Fragen auf, die man noch während des Lesens stellen möchte und deren Antwort man sucht, einfach um ohne Schaden aus der Erzählung herauszugehen. Gerade dieser unmittelbare, unmissverständliche Aufruf hat mir gefallen: „Sieh zu, woher du deine Ansichten beziehst und urteile nicht vorzeitig über andere, denen Wurzeln und Werte fehlen!“
Die Sprache der jungen Hazal, die derbe Wortwahl, der gewählte Schreibstil, bereiten mir persönlich etwas Probleme. Erinnert fühlte ich mich hier an die Figur des Heiko aus dem Roman „Hool“ von Philipp Winkler. Sie ähneln sich Heiko und Hazal, sie sind gewaltbereit, aufsässig und innerlich total zerrissen. Sie sind gefangen in einem Leben, welches sie selbst nicht gutheißen und schaffen es nicht, sich aus eigener Kraft etwas annähernd Authentisches zu schaffen. Mit der Protagonistin konnte ich kein Mitleid empfinden, doch ihr Leben und Handeln, die innere Stimme wurde von der Autorin grandios umgesetzt, so dass alles sehr echt und umso bedrohlicher auf mich wirkt.
„Ellbogen“ ist ein sehr umfassender Roman, der mehrere Themengebiete streift. Nicht nur die alltägliche Problematik Jugendlicher wird aufgegriffen, sondern auch die Frage nach Zugehörigkeit, nach Freundschaft und Vertrauen, nach Lebensmaximen, fatalen Entscheidungen, nach Scham, nach Reue aber auch nach Selbsthass und Wut. All diese emotionalen Begriffe setzt Fatma Aydemir in einen schlüssigen Kontext, der den Leser von Berlin nach Istanbul führt, der ihn seltsam entwurzelt zurücklässt und mit einem ständigen Kopfschütteln lesen lässt.
Fazit
Ich vergebe 4,5 Lesesterne (halber Punkt Abzug wegen einer mir befremdlichen Schreibweise) für diesen tiefsinnigen, ehrlichen, schockierenden Roman über ein gewaltbereites Mädchen und ihr Leben am Rande der Legalität. Die Geschichte hat ein wahnsinniges Potential und lässt mich nach dem Lesen nicht los, sie zeigt in einem fast alltäglichen Handlungsverlauf die Wanderung auf einem schmalen Grat zwischen Absturz und Gleichgewicht halten, zwischen Gehen oder Bleiben, zwischen Zukunft und Beschämung, zwischen Einsamkeit und Verloren-Sein. Für Liebhaber zeitgenössischer Gesellschaftskritik genauso empfehlenswert wie für junge Menschen, die auf der Suche nach Innerlichkeit sind. Gerne mehr davon.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen